
Personal aufbauen
Wann braucht ein Unternehmen eine zweite Führungsebene?
Montagmorgen, halb neun. Der Chef hat sein Postfach noch nicht geöffnet, da stehen bereits zwei Mitarbeiter vor seinem Büro, drei Rückrufe warten auf dem Anrufbeantworter, und der Azubi will wissen, ob er die Reklamation vom Freitag jetzt bearbeiten darf.
Bis zum Mittag hat der Chef keine einzige eigene Aufgabe angefangen. Für viele Betriebe ohne zweite Führungsebene ist das ganz normaler Alltag.
Ob ein Unternehmen diese Ebene braucht, zeigt sich daran, wie viele Entscheidungen, Rückfragen und Verantwortlichkeiten dauerhaft bei einer Person zusammenlaufen. Eine feste Mitarbeiterzahl sagt darüber erstaunlich wenig aus: Ein Betrieb mit zwanzig sehr selbstständigen Fachkräften kann ganz ohne Teamleitung funktionieren, während ein anderer mit acht Mitarbeitenden bereits vollständig vom Geschäftsführer abhängt.
Woran sich der Bedarf zeigt
Am Anfang geht jeder mit jeder Frage direkt zum Chef, und das funktioniert lange erstaunlich gut. Irgendwann verbringt derselbe Chef seinen Tag jedoch mit lauter Mikroentscheidungen statt mit echter Führung. Oft kommt hinzu, dass dieselben Fragen immer wieder neu verhandelt werden müssen: Urlaubsvertretung, Reklamationen, Materialfreigaben, Preisabweichungen, obwohl sich all das längst innerhalb klarer Grenzen delegieren ließe. Muss der Geschäftsführer außerdem selbst dafür sorgen, dass ein Team überhaupt erfährt, was ein anderes gerade entschieden hat, fehlt schlicht eine funktionierende Kommunikationsstruktur. Führung wird dann zur Poststelle für Informationen statt zum Ort für Entscheidungen.
Ein weiteres Warnsignal zeigt sich bei Abwesenheit. Ein Unternehmen muss nicht komplett ohne Geschäftsführer funktionieren können, doch operative Standardentscheidungen sollten auch dann getroffen werden, wenn Urlaub oder Krankheit ihn eine Weile ausschalten. Und sobald jede neue Einstellung vor allem zusätzliche Koordinationsarbeit für den Chef erzeugt statt spürbarer Kapazität, wächst die Belegschaft schneller als die Fähigkeit, sie zu führen. Genau an diesem Punkt wird der nächste Wachstumsschritt organisatorisch kaum noch zu stemmen sein.
Teamleiter ist keine Belohnung für den besten Facharbeiter
Ein klassischer Fehler besteht darin, automatisch die fachlich stärkste Person zur Führungskraft zu machen. Führen verlangt andere Fähigkeiten: Prioritäten setzen, innerhalb eines Rahmens selbst entscheiden, Leistung offen rückmelden, Konflikte klären, Informationen bündeln, Verantwortung tatsächlich tragen. Wer das nicht mitbringt, wird durch den Titel allein nicht zur Führungskraft.
Was tatsächlich delegiert werden muss
Eine zweite Führungsebene braucht klar umrissene Entscheidungsrechte. Personaleinsatz innerhalb einer Schicht, Materialbestellungen bis zu einer festgelegten Grenze, Kundenkulanz bis zu einem bestimmten Betrag, die Freigabe standardisierter Angebote, Qualitätskontrolle, Urlaubskoordination. Fehlen diese Grenzen, entsteht lediglich eine zusätzliche Person, die jede Entscheidung weiterhin brav nach oben absichert.
Was das wirtschaftlich bedeutet
Eine Teamleiterfunktion kostet Geld, sei es durch höhere Vergütung oder weil produktive Facharbeitszeit dafür wegfällt. Bevor die Stelle geschaffen wird, sollten beide Seiten der Rechnung beim Namen genannt werden.
- Zulage für die Führungsaufgabe im Jahr6.000 Euro
- Acht Stunden Führung statt Facharbeit je Woche360 Stunden im Jahr
- Entgangener Deckungsbeitrag dieser Stunden10.800 Euro
- Kosten der Stelle16.800 Euro
Dem steht gegenüber, was der Inhaber zurückgewinnt. Wenn die Hälfte der täglichen Rückfragen künftig bei der Teamleitung landet, sind das rund 180 Stunden im Jahr. Ob sich das rechnet, hängt davon ab, was in diesen Stunden tatsächlich passiert. Werden daraus Angebote, Kundentermine und Entscheidungen, trägt sich die Stelle. Verschwinden sie im Tagesgeschäft, wurde eine Position geschaffen und kein Problem gelöst.
Zulage, Stundenzahl und Deckungsbeitrag sind angenommen. Setzen Sie Ihre eigenen Werte ein. Die entscheidende Größe steht nicht in dieser Aufstellung: Es geht darum, was mit der gewonnenen Zeit geschieht.
Der richtige Moment
Führung sollte aufgebaut werden, bevor der nächste Wachstumsschritt genau an der fehlenden Entscheidungskapazität scheitert. Wer damit wartet, bis der Geschäftsführer erkennbar am Limit ist, baut die Struktur immer dann, wenn am wenigsten Zeit dafür bleibt.
Wie stark heute schon alles am Inhaber hängt, zeigt Der Inhaber ist der Engpass, wann die erste Einstellung sich lohnt Wann lohnt sich der erste Mitarbeiter?
Text: Igor Solowjew